Führer durch die Johanneskirche

von Rotraut Völlm und Elfriede Bäßler

Daten      
Abmessung      
  Gesamtlänge   42,5m
  Gesamtbreite   15,5m
  Turmhöhe   35,0m
  Schiff    
    Länge 22,5m
    Breite 11,5m
    Höhe 6,6m
  Chor    
    Länge 11,7m
    Breite 7,2m
    Höhe 11,0m
Sitzplätze     540
Glocken      
  Herrenglocke   1360kg
  Betglocke   800kg
  Totenglocke   560kg
  Kreuzglocke   165kg
Bauzeit     1488-1496

In unmittelbarer Nähe von Rathaus und ehemaligem Schulhaus (heute Heimatmuseum) liegt die Johanneskirche erhöht über dem alten Ortskern: Einst als Wehrkirche von Friedhof und Wehrmauer umgeben, ist heute noch die nördliche Stützmauer (1982 renoviert) vorhanden.

 

Der seitlich versetzte Turm ist älter als Schiff und Chor. Vermutlich diente er ursprünglich den Herren von Münchingen auch als Wachtturm. Nach dem Brand von 1643 wurde das Glockenstuhlgeschoß neu aufgebaut und der Turm erhielt ein Pyramidendach mit Laterne plus eingeschweifter Helmpyramide. Die ältesten Glocken vom Anfang des 18. Jahrhunderts teilten das Kriegs- und Beuteschicksal vieler Glocken.1955 kamen vier neue Glocken aus der Stuttgarter Werkstatt von H. Kurtz nach Münchingen. Im Glockenstuhl hängen die Herrenglocke ES' (DEIN NAME WERDE GEHEILIGT), die Betglocke GES' (DEIN REICH KOMME) und die Totenglocke AS' (DEIN WILLE GESCHEHE). Die kleinste Glocke, die Kreuzglocke ES" (ER IST UNSER FRIEDE), hängt sichtbar für alle in der Laterne.

 

Bei einem Rundgang um die Kirche fällt die klare, vertikale Gliederung des Chores auf. Die Strebepfeiler gehen, von schmalen Traufgesimsen abgesehen, glatt nach oben durch und laufen unterhalb des Dachsimses in einer gebogenen Deckplatte aus. Dazwischen liegen die hohen Fenster des Chores mit ihrem reichen Maßwerk. Haben Sie den aus Stein gehauenen Narrenkopf schon entdeckt? Sie finden ihn am südwestlichen Strebepfeiler.

 

Wir betreten die Kirche durch das Westportal mit der eingemeißelten Jahreszahl 1488. Unser Blick geht durch das schlichte Schiff zum Chor, eingeschränkt durch die L-förmige Empore. Bedingt durch die wachsende Bevölkerung und die Kirchenstuhlverordnung von 1751 wurde damals das gesamte Schiff mit Emporen überspannt. Sie wurden über Außentreppen betreten, die man 1965 abbrach und dabei aus den Türöffnungen die ursprünglichen Fenster wiederherstellte.

 

Heute tragen die schönen Spitzbogenfenster mit ihrem klaren Maßwerk und den zurückhaltenden Farben der Bleiverglasung sehr zur Ruhe und zur Ausgewogenheit des Schiffes bei. Der schlichte Taufstein von 1788 und die moderne Kanzel von 1965 vervollständigen diesen Eindruck.

 

Nun stehen wir unter dem Chorbogen, der beim großen Brand von 1643 schwer in Mitleidenschaft gezogen worden war. Damals wurde der gesamte Dachstuhl und die spätgotische Bretterdecke des Schiffes ein Raub der Flammen. Nur das Chorgewölbe hielt stand. 1965 wurden Bogen und Gewölbe umfassend renoviert. Im Scheitel des Netzrippengewölbes erkennen wir wunderschön gearbeitete Schlußsteine. Sie zeigen neben dem Kirchenheiligen Johannes dem Täufer, Jesus als Schmerzensmann und Maria mit Kind im Strahlenkranz, noch die württembergischen Hirschstangen, ein Fleckenzeichen und zwei von Engeln getragene Meisterschilder.

 

Das eine Schild zeigt einen Sparren mit drei Sternen, das Wappen der Baumeisterfamilie Jörg aus Stuttgart. Es ist jedoch bis heute nicht eindeutig geklärt, ob Aberlin Jörg oder sein Bruder Hänslin der Jüngere leitender Meister
beim Bau der Münchinger Kirche war. Das Steinmetzzeichen auf dem anderen Schild gehört dem berühmten Leonberger Baumeister und Bildhauer Bernhard Sporer.

 

Hinter dem modernen Altar befindet sich das lebensgroße, ausdrucksstarke Kruzifix von 1697.

 

»Im Jahr 1733 um die Osterzeit wurde in die Kirche alhier zu Münchingen, zum Lobe und Preiß Gottes, gutem behuef und bessern Fortgang des Gesangs eine Neue Orgel gestellet, es war vorher noch niemahlen eine Orgel alhier gewesen«.

Die Orgel stand zuerst auf einer eigens errichteten Empore im Chor, die jedoch wieder abgerissen wurde, als sie auf ein Podium - ihrem jetzigen Standort - gesetzt wurde.

 

Zwar wurde diese Orgel bis heute mehrmals umgebaut, erneuert und auf 22 Register erweitert, doch ihr barocker Prospekt überdauerte alle Zeitläufe. Laubwerk, Rosen und Palmetten umranken in goldenen geschwungenen Linien große und kleine Pfeifenbündel und bieten einen reizvollen Kontrast zu den Chorfenstern.

 

Die seitlichen Fenster versinnbildlichen die beiden Sakramente der Evangelischen Kirche, Taufe und Abendmahl, und in der Mitte erhebt sich das Himmlische Jerusalem. Blau (Wasser) und Rot (Blut und Wein) sind die vorherrschenden Farben.

 

Die Glasbilder wurden von W. D. Kohler aus Stuttgart entworfen und von S. Gaiser ausgeführt.

 

Im nordöstlichen Tauffenster erscheint die rechte Segenshand Gottes, umgeben von einem Heiligenschein, dessen Strahlen alle weiteren Bilder erreichen: den Gekreuzigten, darunter die Kindestaufe, links die Taufe Jesu, rechts seine Versuchung durch den Teufel, sich von der Zinne des Tempels zu stürzen. Das düstere Totenreich am unteren Rand des Fensters steht ganz im Gegensatz zur Lichtwelt mit den auferstandenen Seligen und den Posaunenengeln.

 

Im Zentrum des Abendmahlfensters steht Jesus als Schmerzensmann vor einem Kreuz mit Strahlenkranz. Über ihm schweben Engel mit Brot und Kelch, darüber ist der Priesterkönig Melchisedek zu sehen, der Abraham Brot und Wein reicht, ferner Noah unter dem Regenbogen. Zu Füßen Jesu ist das Passahfest dargestellt, rechts empfängt David die Schaubrote und darunter teilt der Geistliche den Wein aus.

 

Im mittleren Fenster fließt aus der Seitenwunde des Lammes das Wasser des Lebens, darin erhebt sich der Baum des Lebens. Er ist umgeben von den zwölf edelsteingeschmückten Toren des Himmlischen Jerusalem. Im Maßwerk finden wir die vier Evangelistensymbole und einen Engel, der Alpha und Omega als Sinnbild des Anfangs und Endes in Gott trägt.

 

Von den zahlreichen Fresken, die alle von Münchinger Bürgern gestiftet worden waren, sind heute nur die drei Engel an der Chornordwand zu sehen. Dabei war früher eine Stiftungsinschrift mit dem Vers zu lesen: »Du Mensch bedenkh dein End wie auch das Jüngst Gericht So wirst du wohl bestehn Vor Gottes Angesicht«.

 

Diese Auferstehungshoffnung kommt auch deutlich in den Renaissance-Grabmalen des Ortsadels von Münchingen zum Ausdruck. So knien die Figuren der Verstorbenen unter einem Kruzifix, das jedoch bei fast allen Grabmalen fehlt. Vermutlich wurden diese und andere Beschädigungen von marodierenden Soldaten Mélacs verübt.

 

Jeremias Schwarz aus Leonberg war der Meister (gesichert bei G 1, 4, 6, zugeschrieben bei G 2, 3) dieser lebendigen und fein gestalteten Arbeiten aus Sandstein. Alle zeigen denselben dreiteiligen Aufbau: Über einem niedrigen Sockel erhebt sich das Hauptgeschoß mit der Figur des Verstorbenen und den Wappen der Ahnenprobe auf den Seitenpfeilern, gekrönt von einem Aufsatzrelief mit einer Auferstehungsdarstellung. G 7 und 8 sind stark abgetretene Grabplatten, die bis 1965 auf dem Fußboden lagen. Das erste Grabmal an der Chorsüdwand (G 1) ist für Margarethe von Anweil († 15. Sept. 1603), einer Tante der daneben knienden (G 2) Anna von Münchingen († 7. Nov. 1621), sie war die 2. Ehefrau des Philipp Christoph von Münchingen. Vor ihr liegt ein Hund als Sinnbild der Treue. Ihre Grabplatte befindet sich an der gegenüberliegenden Nordwand (G 8). Die Figur des Philipp Christoph von Münchingen (G 3), er starb am 18. Mai 1631, befindet sich zwischen denen seiner beiden Ehefrauen. Er kaufte den Korntaler Hof, der bis 1819 in Münchingischen Händen war. Das Münchingische Schlößchen stand an der Stelle des heutigen Gemeindegasthauses.

 

Das letzte Grabmal an dieser Wand (G 4) ist für die 1. Ehefrau Anna Maria von Münchingen, geborene von Reischach († 29. Juni 1588) und zwei ihrer Kinder. Jacob Werner starb mit vier Jahren am 13. Mai 1587, einen Tag darauf folgte ihm seine dreijährige Schwester Anna. Zwei weiteren Geschwistern ist das Grabmal (G 6) auf der Nordseite des Chores gewidmet. Philipp († 18. Juli 1596) und Ursula († 8. Mai 1605) von Münchingen knien auf Kissen. Achten Sie auf die Totenkränzlein auf den Hauben der beiden Schwestern.

 

Der Schriftstein (G 5) für Friedrich Heinrich von Harling und eine Grabplatte (G 7) für Hans Jakob von Münchingen († 4. Juli 1547) und Anna von Münchingen († 1592) sind außerdem noch an der Chornordwand angebracht.

 

Als man 1965 bei der Kirchenrenovierung den Altarversetzte, stieß man auf den Steinsarg eines Edelfräuleins, deren Mumie beim Lufteintritt zu Staub zerfiel.

 

Erwähnenswert ist noch die Sediliennische, der Platz des Geistlichen, an der Chorsüdwand und die niedere Tür gegenüber, beide mit spätgotischen Profilen und gut erkennbaren Steinmetzzeichen. Die schwere Holztüre mit mächtigen schmiedeeisernen Beschlägen, dem Türklopfer und einem prachtvollen Schloß (17. Jahrhundert) führt in die Sakristei, die ebenfalls ein prächtiges Netzrippengewölbe und Glasbilder von W. D. Kohler hat.

 

Gott hat 500 Jahre lang seine Hand über unserer Johanneskirche gehalten. Möge Gott, der Herr, seine Hand weiterhin über diese Kirche halten und auch Sie, liebe Besucher, auf Ihren Wegen begleiten.

 

Rotraut Völlm
Quelle: Heimatbuch Münchingen, Zeichnung: Elfriede Bäßler